Zum L u t h e r  Film:

Evangelische Kirche verschenkt die Chance, authentisch auf ihren spannenden Anfang aufmerksam zu machen

Ist Bruno Ganz inzwischen auch keine Garantie mehr für Originalität und Qualität?
Fällt alles der Bohlisierung, sprich plakativen Verdummung, Trivialisierung bis hin zur Verfälschung anheim? Und steht die Evangelische Kirche wirklich hinter diesem Filmchen?
Dabei hätte der Stoff so viel hergeben können...... und was wird den Kinogängern zugemutet?

Ein neurotischer, blitz-und teufelsgeplagter Luther, der scheinbar (fast) im Alleingang dem päpstlichen Ablasszirkus das Fürchten lehrt, unterstützt von einem väterlichen Beichtvater und einem zwar liebenswürdigen, aber vertrottelten sächsischen Fürsten Friedrich, der seinem kleinen Mönchlein völlig selbstlos Rückhalt gibt, der dann wiederum wunderbarerweise verstärkt wird von sämtlichen edlen deutschen Kurfüsten, die urplötzlich ihre Liebe zum wahren Christentum entdecken, im Gegensatz zu den lächerlich wirkenden Katholiken, die nicht mal diskutieren können und auch nicht Bescheid wissen über ihre Konzilsbeschlüsse, Bullen und Dogmen!
Muss Geschichte wirklich so schwarzweißmalerisch und ignorant vermittelt werden?

Bedeutende Zeitgenossen Luthers wie Ulrich von Hutten und Melanchthon werden kurz namentlich gestreift; ihren nicht unwesentlichen Beitrag zur Reformation aber auch nur kurz zu erwähnen, hätte das historische Verständnis der Filmemacher wohl zu sehr strapaziert.
Erwähnenswert war dann dafür die Qualität des Breis auf der Wartburg.
Dass der junge, im Film aufgeblasen und dumm wirkende Kaiser in Wirklichkeit der berühmte und gar nicht so dumme Habsburger Herrscher Karl der V war, scheint die Filmemacher auch nicht weiter irritiert zu haben.
Uwe Ochsenknecht als hanswurstiger Papst Leo, Mathieu Carriere als diskussionsunfähiger Kardinal, dazu noch schnell ein paar brutal hingeschlachtete Bauern und eine minnelüsterne Katharina von Bora - fertig ist der Reformationscocktail! Wohl bekomm´s!!

Wie wohl die Welt aussähe, wenn für nachweislichen Schwachsinn Ablässe gezahlt werden müssten ....?

Wer übrigens einen historisch fundierten und unterhaltsamen Einblick in die Lutherzeit bekommen will, sei auf das Buch "Q" verwiesen: Vier italienische Autoren aus Bologna komponierten unter dem Pseudonym Luther Blisset einen wirklich spannenden Roman, bei dessen Ende man traurig aufseufzt. Hätte man doch gerne noch weitergelesen ...

Als weitere Umrandung zu dieser umwälzenden Zeit sei auch "Kauf dir einen Kaiser" von Günther Ogger empfohlen. Das schon in den Achtziger Jahren erschienene Buch belegt eindrucksvoll die unglaublichen Geschäftspraktiken der Fugger, die denjenigen der heutigen Tycoons um nichts nachstanden.

"Kauf dir einen Kaiser" von Günther Ogger (Wirtschaftsjournalist, bekannt geworden durch den Bestseller "Nieten in Nadelstreifen")

"Q" von Luther Blisset, ebenfalls schon als Taschenbuch erschienen.